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Gendergerechte Sprache in der Unternehmenskommunikation – Top oder Flop?

Gendergerechte Sprache in der Unternehmenskommunikation – Top oder Flop?

Lesezeit: 20 Min | Autor: Jana Berthold

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Gender ist ein kontroverses Thema, das die abendliche Kneipenunterhaltung in ein Streitgespräch wandeln kann. Viele Unternehmen ignorieren es bisher vollständig in ihrer Unternehmenskommunikation. Dabei ist das sogenannte „dritte Geschlecht“ bereits seit Ende 2018 im deutschen Recht verankert.

Wer jetzt direkt an Gleichstellungsbüro und Sexualisierung in seinem Unternehmen denkt, kann sich beruhigt zurücklehnen – darum geht es in diesem Beitrag nicht. Es geht um Haltung. Ob sich die Haltung Deines Unternehmens für oder gegen Gendersprache im Business-Kontext ausspricht, hängt oftmals von der Zielgruppe ab. Dabei kann sie Dir zum entscheidenden Marketing-Vorteil werden.

Gendern in der Sprache – puh, keinen Bock

Bestimmt bist Du in den letzten Monaten mit dem Thema „Gendern“ in Berührung gekommen. Reagierst Du mit Ablehnung, findest das Ganze unsinnig und meinst, dass so gravierende Veränderungen der Sprache nicht sinnvoll seien? Bevor Du das Thema komplett abwinkst, erlaube, Dir selbst die Frage zu stellen, aus welcher Perspektive Du diese Entscheidung triffst. Aus einer privilegierten Position vielleicht?

Was ist gendergerechte Sprache?

Ein Sprachgebrauch, der die Gleichstellung der Geschlechter Männlich und Weiblich und/oder die Anerkennung verschiedener sozialer Geschlechter zum Ausdruck bringt. Umgangssprachlich sagen wir einfach „Gendern“. Das deutsche Wort „Geschlecht“ ist nicht so eindeutig und umfasst das biologische (Englisch wird es „Sex“ genannt) und das soziale Geschlecht (weiblich, männlich, divers). „Gender“ meint präzise nur das soziale Geschlecht und um das geht es uns.

Gendergerechte Sprache möchte die verschiedenen sozialen Geschlechter sichtbar machen, also  ausdrücklich alle Gender benennen: „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ oder „Unternehmen sucht Verstärkung im Online Marketing (m/w/d)“. „D“ steht dabei für „divers“ oder das „dritte Geschlecht“. Genderneutrale Sprache hingegen will nicht die Menschen neutralisieren, sondern die Informationen vom Geschlecht des Adressaten entkoppeln: Bei der Kommunikation – in Texten, Videos, Podcasts und Gesprächen –, die im generischen Maskulinum erfolgt, bleiben in der Vorstellungskraft der Lesenden die Geschlechter der genannten Personen schlichtweg unsichtbar. Erst die sprachliche Gleichstellung aller Gender erlaubt die Sichtbarmachung der Verschiedenartigkeit. Oder denkst Du an eine gendergemischte Gruppe, wenn ich von Volleyballerinnen schreibe?

Wer braucht gendergerechte Sprache überhaupt?

Wer sind diese Gender? Für wen sollst Du die sprachlichen Anpassungen machen? Gute Frage! Gendersprache hat sich ja niemand im stillen Kämmerlein ausgedacht, um uns zu ärgern. Wir machen das für uns alle zusammen, als gleichberechtigte Individuen in einer Gesellschaft ohne Diskriminierung, die sich selbstbestimmt ihr Gender wählen können.

Neben den Geschlechtsidentitäten Männlich und Weiblich gibt es Lesbisch, Gay (schwul), Bisexuell, Transgender, Queer, Intersexuell, Asexuell und weitere. Daher stammt die Abkürzung LGBTQIA+. Einige der LGBTQIA+-Community fühlen sich mit den Geschlechtszuschreibungen „sie“ und „er“ in der Sprache gesellschaftlich nicht mitgemeint, weil sie keine eigene Ansprache haben. Und damit auch keine Stimme.

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Ein Aufruf an die Sprachwissenschaftler:innen: Neue Wortschöpfungen und Movierung müssen her. So bekommen wir alle Geschlechter neben der Paarform in unseren Sprachgebrauch erfolgreich eingebunden.

Muss das sein? Ein Blick in die Vergangenheit

Zuerst lass mich sagen: Das ist DEINE Meinung, Deine persönliche Einstellung. Die muss jedoch gar nichts mit Deiner Zielgruppe zu tun haben. Sprache befindet sich seit Beginn ihrer Existenz im Wandel.

Soweit müssen wir gar nicht zurückblicken. Während unserer eigenen Lebenszeit sind neue Wortschöpfungen dazugekommen, Anglizismen fühlen sich in manchen Kontexten besser an, als das deutsche Äquivalent, oder sagst Du zum „Website Design“ lieber „Gestaltung meiner Webseite“? Ich schreibe auch lieber von „gendergerechter Sprache“ als von „geschlechtergerechter Sprache“, weil es für meine Ohren angenehmer klingt und weil mir Ubersuggest verrät, dass es sich aus SEO-Gründen lohnt.

Bei der Keyword-Abfrage zu Gender-Sprachbegriffen liegt die Formulierung „gendergerechte Sprache“ eindeutig vorn.

Bei der Keyword-Abfrage zu Gender-Sprachbegriffen liegt die Formulierung „gendergerechte Sprache“ eindeutig vorn.

Dass wir uns an neue Sprachregeln gewöhnen, zeigt das erste Wort in diesem Satz. Erst seit 1996 schreiben wir „dass“ nicht mehr mit ß, sondern mit zwei s. Erinnerst Du Dich? Damals gab es einen Schrei durchs Land, keiner wollte sich an die neue Rechtschreibung gewöhnen. Heute kräht kaum ein Hahn danach. Wieso sollte weiterer Wandel nicht mit neuen gesellschaftlichen Einflüssen möglich sein?

Gendergerechte Sprache in Deinem Unternehmen

Eine Sprache gendersensibel aufzubauen, muss nicht kompliziert sein. Ich stelle dir jeweils fünf sprachliche Formen und Strategien des Genderns vor. Der mini Basiskurs:

Gender-Formulierungen

Mitarbeiter und Mitarbeiterin
Der Standard. Die Beidnennung beinhaltet die zwei Geschlechter Maskulinum und Femininum, ist die längste aller Schreibweisen und würde bei der Einführung der Gendersprache in Deine Unternehmenskommunikation zumindest zeigen, dass Gender ein Thema ist. In dem Fall ein weiblich-männliches. Am besten passt diese Form, wenn Deine Zielgruppe etwas älter und eher konservativ ist. Die Umstellung geht recht schnell und birgt wenige grammatikalische Probleme. Überall, wo eine Personenbezeichnung steht, fügst Du für die Beidnennung „und weibliche Form“ ein. Welche Anrede den Vortritt bekommt, ist Dir überlassen. Du kannst gern zwischen beiden Varianten wechseln.

MitarbeiterIn, Mitarbeiter/in und MitarbeiterIN
The Old Fashioned. Das Binnen-I war in den Anfängen von Gendersprache in Mode und wird wegen seiner Verwechslungsgefahr mit dem kleinen L heutzutage eher vermieden. Inhaltlich ähnelt es der Paarform, gehört zu den Sparschreibungen, weil kürzer, und bezieht nur die beiden Geschlechter Femininum und Maskulinum ein. Ihren Einzug erhielten die Klassiker vor allem an Universitäten und in der Lehre allgemein.

Der Schrägstrich und die Großschreibung der weiblichen Endung erfüllen die gleiche Funktion. Vor allem bei Pluralbildungen stellen diese drei Formulierungen spannende Lesehürden auf, wenn Du von MitarbeiterInnenpaketen, Mitarbeiter/innenschulungen oder MitarbeiterINNENchancen berichtest. Menschen, die Deutsch gerade lernen, verzweifeln.

Mitarbeiterin, Kunde, dann wieder Interessentin
Der Mischmasch. Mit dem Mischen der weiblichen und männlichen Form vergibst Du den Personen in Deinem Text verschiedene Gender-Rollen. So kannst Du bei einem Thema ohne direkten Bezug zu einer bestimmten Person (beispielsweise einer Produktvorstellung) von der Mitarbeiterin und dem Kunden erzählen. Grammatikalisch lässt sich diese Version auch sehr leicht umsetzen, da Du jeweils nur eine Schreibweise berücksichtigen musst. Die Zielgruppen fallen schon diverser aus, weil es den wenigsten tatsächlich auffällt. Wieder gilt: Zwei Geschlechter werden berücksichtigt, dafür ist die Umstellung für Deine Leserschaft nicht so groß.

Mitarbeitende
Der geheime Sieger. Geschlechtsneutrale Formulierungen ermöglichen dir, ein Wort ohne Zusatzzeichen zu nutzen. Ähnlich wie das generische Maskulinum – die bisher vermeintliche neutrale Ansprache – nur, dass über die wirkliche Genderneutralität gar kein Geschlecht direkt angesprochen wird. Funktioniert besonders gut in Texten, die keine persönliche Anredeform vorsehen, weil die meisten neutralen Formulierungen einzig in der Pluralform existieren. Zielgruppen aus dem wissenschaftlichen Umfeld sind mit dieser Form sehr vertraut. Wenn Deine Klientel noch nicht mit Gendersprache in Berührung gekommen ist, könnte sie auch eine sanfte Umstellung bedeuten. Gender-affine Zielgruppen merken vor allem beim Lesen keinen großen Unterschied mehr.

Mitarbeiter*in, Mitarbeiter in, Mitarbeiter:in, Mitarbeiter_in, Mitarbeiter.in
Der Gender-Gap. Du verabschiedest Dich von der binär-geschlechtlichen Personenbezeichnung und beziehst mit einer Lücke alle Gender in Deine Unternehmenskommunikation ein. Grammatikalisch ist sie genauso komplex wie das Binnen-I, der Schrägstrich und die Großschreibung. Doch der Aufwand lohnt sich, wenn Deinem Unternehmen alle Menschen mit ihrem Wunsch-Gender es wert sind. Besonders junge Zielgruppen erwarten Genderstern and friends.

Das Gendersternchen zeigt mit den Zacken in alle Gender-Richtungen, das Leerzeichen und der Auslassungstrich symbolisieren die Lücke zwischen ihnen. Ich verwende in schriftlichen Veröffentlichungen am liebsten den Doppelpunkt. Er ist gegenüber den anderen gemischtgeschlechtlichen Zeichen barrierefreier für Screenreader-Nutzende, denn er wird als längere Pause gelesen. Die anderen Varianten werden „Mitarbeiter–Stern–in“ und „Mitarbeiter–Punkt–in“ gelesen. Bei Strich und Punkt erfolgt eine sehr kurze Pause, die leicht überhört wird.

Wusstest Du schon: Die Lücke zwischen Wortstamm und der weiblichen Nachsilbe „in“ heißt Glottisschlag oder Knacklaut.

Orthografisch bieten die Varianten ihre eigenen Herausforderungen. Um dem gerecht zu werden, müssten wir neue Wortschöpfungen für Geschlechtszuschreibungen und Genderneutralität kreieren. Bis dahin kannst Du Dich für die Schreibweise entscheiden, die am besten zu Deiner Zielgruppe und zu Deinem Unternehmen passt. Ich nutze am meisten den Doppelpunkt, da er weniger visuell präsent als beispielsweise der Genderstern ist und es sich leicht „drüberlesen“ lässt. In meinem Blog verwende ich je Artikel unterschiedliche Schreibweisen. Dann kann meine Leserschaft die jeweilige Wirkung erleben.

Gender-Strategien

Manche Textarten benötigen mit der Einführung von geschlechtssensibler Sprache eine neue Konzeption. Keine Sorge, wenn Du das zwei Mal gemacht hast, ist es wie Zähneputzen.

Neutrale Formulierungen
Sie sind meistens kürzer und fassen alle Gender in einem Wort zusammen: In dem Fall schreibst Du von der „Leitung“ oder dem „Management“. Substantive mit den Endungen -ung, -kraft, -person oder -berechtigte helfen Dir weiter. Oftmals passen die bereits erwähnten neutralen Plural-Formulierungen wie „Mitarbeitende“, „Angestellte“ oder „Teilnehmende“ gut dazu.

Allgemeine Pronomen werden nicht mehr in der männlichen abgeleiteten Form „man“ angegeben, sondern in der sachlichen „mensch“. Achte dabei auf die Kleinschreibung. „Jedermann“ wird zu „jedermensch“. Schreibst Du ausschließlich über Frauen, versuch doch mal, von „jederfrau“ zu berichten. Ich gebe zu, es wirkt im ersten Moment nicht flüssig und ich würde diese Sprachform vermutlich auf meiner Webseite vermeiden. Aber in einer E-Mail geht das auf jeden Fall! „Klingt komisch“ ist kein Argument mehr, wenn Du den ersten Teil dieses Beitrags aufmerksam gelesen hast.

Formulierungen mit gendergerechten Einzelformen
Wenn Dein Unternehmen eine Partnerschaft mit einer Versicherung eingeht, dann hat es eine „starke Partnerin“ an der Seite. Und nicht „Mitarbeiter in der Schwangerschaft“ sollten sich zum Mutterschaftsgesetz informieren, sondern die „Mitarbeiterinnen in der Schwangerschaft“. In der Verwaltungssprache wird immer mehr auf die direkte Ansprache von Menschen geachtet.

Passive Formulierungen
Direkte Personenbezeichnungen können in manchen Kontexten über Passiv-Konstruktionen vermieden werden: „Bitte die Teller auf dem Tablett abstellen.“ Wer wird angesprochen? Alle. Das ist vielleicht nicht die beste Formulierung für Deinen Kampagnen-Claim, aber es gibt auch andere Kontexte im Unternehmen – wie hier beispielsweise die Abräumregeln der Kantine.

Nutze symmetrische Formulierungen
Verwende Bezeichnungen für Frauen und Männer immer symmetrisch. Wenn von mehreren Personen die Rede ist, schreibe nicht von „Herrn Müller und seiner Frau“. Nutze einfach den Nachnamen in der Begrüßungsform „Herr und Frau Müller“ für beide Personen, oder andersherum.

Vermeide Formulierungen mit Stereotypen
Die abgelegte Bezeichnung eines Schaumkusses machte in etwa genauso viel Furore wie die Frage nach der Relevanz von Gendersprache. Schreibe nicht vom „schwachen Geschlecht“ und mache keine „Milchmädchenrechnung“ auf. Insgesamt sollte dieser Punkt für Dich ein Leichtes sein, denn mit Rollenklischees wirbt es sich nicht so gut.

Die Debatte um die zeitgenössische Beschreibung dieser Süßspeise hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt.

Die Debatte um die zeitgenössische Beschreibung dieser Süßspeise hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt.

Die richtige Gendersprache für Dein Unternehmen

Einige Formulierungen sind eher genderneutral, andere betonen die Diversität der Geschlechter. Welche für Dein Unternehmen die richtige Wahl ist, hängt von diesen Faktoren ab:

Deiner Zielgruppe
Je nachdem, an wen Du all Deinen Content adressierst, kann Gendern ein kleines Abenteuer werden oder genau ins Schwarze treffen. Meistens liegt die Realität irgendwo dazwischen und Du kannst mit der Wahl Deiner Gender-Formulierung entscheiden, ob Du diesen Aspekt in Deiner Unternehmenskommunikation hervorheben, oder eher so unterschwellig mitlaufen lassen möchtest.

Vor allem die 35- bis 44-Jährigen scheinen sich für Gendersprache zu interessieren. Hast Du Dir mal in Deinem Analyse-Tool die geschlechtliche Verteilung angeschaut? 2016 fühlten sich laut einer EU-Umfrage 7,4 Prozent der Deutschen dem LGBT-Spektrum zugehörig. Das sind sechs Millionen Menschen – zusammen eine nicht zu unterschätzende Zielgruppe.

Deine Haltung
Neben der Beachtung Deiner Zielgruppe ist es auch wichtig, dass sich Deine Mitarbeitenden und Du mit geschlechtergerechter Sprache wohlfühlen. Wenn ihr mit der Formulierung, die am besten auf eurer Unternehmen passt, nicht klarkommt, dann entscheidet euch lieber für eine weniger passende, aber tatsächlich genutzte Variante.

Dein Unternehmensziel
Wer bist Du als Unternehmen? Was willst Du bewirken? Bist Du ein Mitschwimmender im seichten Wasser, planschst Du noch bei den Nichtschwimmenden herum oder ziehst Du Deine Bahnen im Profi-Becken und möchtest, dass jeder weiß, was Du drauf hast? Wenn Du anders sein willst, kann Gendern ein simples Tool sein, um Dich von der Konkurrenz abzuheben. Als traditionsreiches Unternehmen könntest Du damit Geschichte schreiben.

Für alle Punkte gilt: Versuch macht klug. Fang einfach an. Wie, zeige ich Dir mit den möglichen Phasen der Einführung gendergerechter Sprache in die Unternehmenskommunikation.

Du denkst, wir sind in Deutschland schon richtig weit? Ein Blick über den Tellerrand verrät dir, wann andere Länder das dritte Geschlecht im Reisepass einführten.

Du denkst, wir sind in Deutschland schon richtig weit? Ein Blick über den Tellerrand verrät dir, wann andere Länder das dritte Geschlecht im Reisepass einführten.

Anleitung zur schrittweisen geschlechtergerechten Unternehmenskommunikation

Die Umstellung erfolgt nicht ohne Aufwand. Ich empfehle, mit der schriftlichen Kommunikation wie folgt zu beginnen.

PHASE 1

  • E-Mails: Fang mit Deinen E-Mails an. Das ist die perfekte Übungsplattform, denn sie erreicht maximal eine Handvoll Leute.
  • Interne Kommunikation: Intranet, Slack, Asana … beschreibe allgemeine Projektbereiche gendergerecht, wenn es um Teaminhalte geht.

PHASE 2

Webseite: Je nach Umfang geht das ganz fix oder wird ein Monatsprojekt. Ehe die öffentliche Unternehmenskommunikation angefasst wird, solltest Du versuchen, je Medium die sprachliche Anpassung zu vereinheitlichen. Lege Dich mit Deiner Kollegschaft auf eine Form der geschlechtergerechten Schreibweise erst einmal fest und definiere Wörter, die in Eurem Kontext sehr häufig vorkommen. Das ist übrigens ein wunderbarer Anfang für ein Unternehmenswörterbuch, in dem Schlüsselbegriffe für Dein Angebot und die Unternehmenswerte festgehalten werden. So eine vereinheitlichte Sprache kann auch abseits des Genderthemas Wunder in der Außenkommunikation bewirken.

PHASE 3

  • Social-Media-Kanäle: Zum Glück wird in vielen sozialen Communitys die Zielgruppe häufig mit ‚Du‘ angesprochen. Da fällt die Anpassung weniger schwer. Wenn Dein Unternehmen seine Sprache umstellt, nutze das gleich als Thema und kündige die Haltung des Unternehmens groß in einem Post an. Anzeigen-Kampagnen solltest Du anpassen, wenn sie sehr langlebig sind. Sonst einfach auslaufen lassen.
  • Drucksachen & Präsentationen: Dein Unternehmen ist jetzt schon seit einigen Wochen mit dem Gender-Sprachthema beschäftigt. Alle Schriftstücke, Präsentationen, Übersichten, die seitdem erstellt werden, könnten bereits sprachlich angepasst sein. Ältere Dokumente, die nicht tagtäglich im Umlauf sind, müssen nicht zwingend aktualisiert werden. Wir können die Kirche im Dorf lassen. Falls es zu einem Relaunch oder einer Neuauflage kommt, kann mensch zumindest über die Anpassung der Originaltexte nachdenken. Halte langfristige Entscheidungen unbedingt in einem Leitfaden fest, damit sich neue Teammitglieder schnell einarbeiten können.

Keine Sorge, nur weil Du Dich aktiv um Modernisierungsmaßnahmen kümmerst, wird Dein Unternehmen nicht gleich der Followerschaft von Alice Schwarzer oder Anne Wizorek zugeordnet. Zwischen Männersprache und Frauenrechtsgruppen gibt es noch ganz viel Gesellschaft.

Aber was ist mit SEO?

Gendergerechtes SEO klingt im ersten Moment nahezu unmöglich. Je nach Textart verlieren einige diversitätssensibel optimierte Texte an Sichtbarkeit. Auf Google-Suchergebnis-Seiten (SERPs) landen sie vorrangig weiter unten, da die Suchmaschine mit ihren Algorithmen das aktuelle Sprachverständnis nachbildet und somit ein Großteil des Suchvolumens auf männliche Formulierungen zugreift – ich schreibe es mal ganz plakativ: Google erscheint als Spiegel einer exkludierenden Gesellschaft.

Suchvolumen gegenderter Formulierungen

Schauen wir auf die Ergebnis-Auswertung des Keyword-Finders, scheint die obige Aussage bestätigt.

Suchvolumen je Gender-Keyword (Ubersuggest)

Mitarbeiter: 18.100
Mitarbeiterinnen: 2.400
Mitarbeiterin: 1.300
Mitarbeiter:in: 260
Mitarbeiter*in: 20
Mitarbeitende: 14.800

Monatliches Suchvolumen der verschiedenen Keyword-Bezeichnungen „Mitarbeitende“ bei Ubersuggest.

Monatliches Suchvolumen der verschiedenen Keyword-Bezeichnungen „Mitarbeitende“ bei Ubersuggest.

Zwischen dem generischen Maskulinum und der ersten weiteren Formulierung liegen beim Beispiel „Mitarbeiter“ mehr als 15.000 monatliche Suchanfragen! Formulierungen mit Gender-Gap stehen nahe der Null, werden folglich ignoriert. Erst die genderneutrale Pluralform „Mitarbeitende“ reißt es wieder raus.

Ob Keyword-Finder Dein einziges Tool zur Bewertung von Gender-SEO sein sollten, kannst Du nach einem Blick auf die Google-SERPs besser beurteilen.

Gegenderte Suchergebnisse der Google-SERPs

Also abwarten bis der Algorithmus soweit ist? Unterschätze dessen Lernfähigkeit nicht.

Suchergebnis-Menge je Gender-Keyword (Google)

Mitarbeiter: 149 Mio.
Mitarbeiterinnen: 15,7 Mio.
Mitarbeiterin: 11,1 Mio.
Mitarbeiter:in: 148 Mio.
Mitarbeiter*in: 197 Mio.
Mitarbeitende: 4,49 Mio.

Hier geht es deutlich wilder zu, als beim Keyword-Finder. Während Ubersuggest die Genderstern-Suche nahezu ignoriert, berücksichtigt Google in seinen SERPs besonders die Gender-Gap-Versionen von Suchbegriffen. Die genderneutrale Schreibweise liefert die niedrigste Trefferzahl.

Während früher der Google-Algorithmus in den Suchergebnissen fast immer Korrekturvorschläge für Gender-Begriffe im generischen Maskulinum vorgab, werden seit ein bis zwei Jahren weniger Korrekturvorschläge, mehr direkte Ergebnisse geliefert. Welche Ergebnisse werden je Suchbegriff-Formulierung tatsächlich angezeigt? Die Wertigkeit der Treffer schauen wir uns mit den jeweils ersten fünf Resultaten meiner Google-Suche „Festanstellung Grafikdesigner“ an:

 
Zahlenmäßig gewinnt bei der Google-Suche wieder die Gender-Gap-Formulierung mit Gendersternchen.

Zahlenmäßig gewinnt bei der Google-Suche wieder die Gender-Gap-Formulierung mit Gendersternchen.

  • Fast alle Ergebnisse liefern eindeutig die männliche Schreibweise „grafikdesigner“ oder die neutrale Form „grafikdesign“.
  • Die Stellengesuche von indeed und dasauge erscheinen in irgendeiner Form auf allen SERPs. Immerhin bekomme ich ähnliche Ergebnisse angeboten.
  • Der Korrekturvorschlag für die maskuline Form kommt nur bei der Suche nach einer Grafikdesignerin, die auch die niedrigste Treffermenge mit 30.500 Resultaten anbietet.
  • Die Gendersternchen-  und Schrägstrich-Suchen liefern direkte Resultate, wobei die Gendersternchen-Version einzig die Google-Stellenangebotssuche anzeigt.
  • Gendersternchen-Vorschläge erhalte ich bei der Suche nach „grafikdesignerin“ auf Platz vier zumindest in der Beschreibung. Ironischerweise erscheint kein Gendersternchen-Vorschlag bei der Anfrage „grafikdesigner*in“ selbst.
  • Nur auf der SERP mit Schrägstrichsuche erscheint die tatsächlich gesuchte „Grafikdesigner/in“ (art-kon-tor) auf dem fünften Platz immerhin im Titel. Sie ist die einzige gegenderte Form, die zumindest ein Resultat in der gesuchten Gender-Schreibweise anbietet. Gleich auf Platz eins rankt immerhin das Gendersternchen-Ergebnis „Grafikdesigner*innen“ (dasauge) in der Beschreibung.

Auch wenn kaum hochplatzierte Gender-Resultate bei diesen vier Suchanfragen angeboten werden, sind die Zahlen der Suchergebnisse bei den Anfragen mit Gender-Zeichen überraschend hoch. Google kann Sonderzeichen und sie ranken für verschiedene Schreibweisen automatisch mit. Laut diesen Ergebnisen müssten wir alle von nun an in Gender-Versionen recherchieren, um höhere Volumina zu erzielen. Würdest Du Online-Texte auf Gender-Keywords wie „Kund*in“ optimieren, können sie auf mehreren SERPs der Suchen nach „Kund*in“, „Kundin“ und „Kunde“ erscheinen – eine Gesamtoptimierung Deiner Webseite vorausgesetzt.

Pro-Tipp: Nutze die aktuelle Übergangsphase von generischer maskuliner Sprache hin zu inklusiver Sprache für Deine Suchmaschinenoptimierung. Die Kosten pro Klick (CPC) und die SEO-Difficulty sind bei gegenderten Keywords sehr attraktiv.

Gender-SEO sorgt für Top-Rankings

Keyword-Finder und Suchmaschinen interpretieren die Relevanz verschiedener Schreibweisen völlig unterschiedlich. Du solltest für Deine SEO-Recherche weitere Tools nutzen.

  • Gendergerechte Suchmaschinenoptimierung erzielst Du, indem Du in Deinen Texten eine neutrale oder inklusive Formulierung wählst. Damit erscheinen Deine Webinhalte bei unterschiedlichen Suchanfragen.
  • Um Deine Bounce-Rate zu senken, weil sich möglicherweise eine bestimmte Gender-Gruppe von Deiner Formulierungsform nicht angesprochen fühlt, kannst Du mit informativen und redaktionellen Texten arbeiten. Optimiere Deine Blogbeiträge mit gendergerechten Hauptkeywords und biete Deiner Leserschaft interessanten Mehrwert zum Verweilen auf Deiner Seite. Da Google mit semantischer Suchmaschinenoptimierung arbeitet, sind diese Texte allemal zu empfehlen.
  • Du kannst die Gender-Pool-Position Deiner Branche einnehmen oder Nische werden. Wenn Gendern in Deinem Geschäftszweig bisher nicht üblich ist, dann sei an erster Stelle. Geh mit gutem Beispiel voran und zeige Deinen Webseite-Besuchenden, dass Du Dich modernen gesellschaftlichen Wandlungen nicht entgegenstellst und geschlechtergerechte Verhaltensweisen ernst nimmst.

Wusstest Du schon: Seit Juli 2014 gibt es im Internet .lgbt als neue Top-Level-Domain. New gTLDs sind zum Beispiel .web, .blog, .berlin. Wenn sich Dein Angebot an alle Menschen richtet, dann sichere Dir doch neben den Domains .de, .com und .org auch die .lgbt.

  • In nicht-eindeutigen Texten wie den Meta-Titeln, Alt-Texten für Bilder und in der URLs kannst Du männliche Schreibweisen verstecken. Sie sind in der Regel die kürzeste Version und reduzieren die Gesamtzeichenzahl. Bietet Dein Unternehmen Produkte für eine vorrangig weibliche Kundschaft an, sollte diese Form auch in den Meta-Tags enthalten sein.
  • Übrigens: Mit strategischem Link-Building kannst Du auch Top-Rankings für gegenderte SEO-Unterseiten erreichen. Ausführliche Leitfäden findest Du im OMT-Kosmos.

Vorreiter für Gendersprache – Du bist nicht allein

KEINER macht das mit dem Gendern? Falsch. Hier ein paar Unternehmen, die sich für eine gendersensible Sprache entschieden haben.

Webpräsenz

netzpolitik.org – gendergerechter Journalismus sieht so aus:

netzpolitik.org –liefert kritische Berichterstattung gendersensibel

netzpolitik.org –liefert kritische Berichterstattung gendersensibel

Social Media

KRAUTREPORTER – arbeitet seit jeher mit dem Gender-Gap:

KRAUTREPORTER – Ob * oder : ist egal, Hauptsache überhaupt

KRAUTREPORTER – Ob * oder : ist egal, Hauptsache überhaupt

Marketing & PR

Werbung nutzt seit eh und je auffordernde Formulierungen für Claims: „Ab in den Urlaub“, „Lerne von den Besten“. Da fällt das Thema Gender gar nicht so auf. Bei geschlechtsspezifischem Marketing sind Unternehmen in ihrer Ansprache schon einen Schritt weiter. Ein klassisches Beispiel ist der Frauen-Rasierer Venus von Gillette. Er kommt nicht (mehr nur) im grellen Pink daher, trägt keine zusätzliche Aufschrift „für Frauen“ und spricht die weibliche Zielgruppe über seine Eigenschaften an: weicher Griff, Schutzkissen für den Schutz der Haut.

Gillette Venus – auf Werbung für Frauen muss nicht „Werbung für Frauen“ stehen

Gillette Venus – auf Werbung für Frauen muss nicht „Werbung für Frauen“ stehen

Der nächste Schritt für die Marketing-Branche sind Produkte, die mehrere Gender gleichzeitig mit Wörtern benennen. Ich gebe zu, „Mitarbeitende“ als Keyword in einer Kampagne klingt nicht so doll. Oftmals findest Du eine Alternative. So werden die Mitarbeitenden zur Belegschaft, Zuschauer zum Publikum und an die Mannschaft haben wir uns schon längst als Team gewöhnt.

Hilfreiche Tools für den Start

Um in das Thema erst einmal einzusteigen, kannst Du Dir Unterstützung holen. Diese Infoseiten helfen dir weiter.

Genderwörterbuch

Wenn Dir keine schöne genderneutrale Formulierung für Deine Anredeform einfällt oder Du Dir unsicher bist, ob Deine Wortschöpfung für Gleichbehandlung auch andere Menschen verstehen, dann helfen Dir die Genderwörterbücher geschicktgendern und genderator weiter.

Gender-Sprech-Toolbox

Hilfreiche Tipps und Leitfäden für Gendersprache beim Sprechen und Schreiben bekommst Du bei genderleicht. Damit unterstützt diese Plattform faire Medienarbeit und beweist, dass sie tatsächlich funktionieren kann.

Gendern im Journalismus

Das Netzwerk von Medienschaffenden Die Neuen deutschen Medienmacher*innen setzt sich für Geschlechtervielfalt in den Medien ein. Der Verein unterstützt Projekte und Unternehmen in der Sichtbarmachung und als Mitglied kannst Du an der Gestaltung des Vereins mitwirken.

FAZIT: Gendergerechte Sprache und Unternehmenskommunikation harmonieren

Sprache befindet sich IMMER im Wandel. Sie passt sich gesellschaftlichen Prozessen an und gestaltet diese gleichzeitig mit. Wenn Du Teil der Veränderung sein möchtest, nur ab und zu ein wenig verunsichert bist und hinterfragst, warum Du Dich doch gleich für‘s Gendern entschieden hast, gibt es die Argumente abschließend zusammengefasst:

  • In der Diskussion um Gendersprache geht es nicht GEGEN Dich und die Einschränkung Deiner Gewohnheiten, sondern FÜR das Einbeziehen aller Menschen in gesellschaftlichen Kontexten.
  • Mit Deiner Entscheidung für das Thema Gendern in der Unternehmenskommunikation demonstriert Dein Unternehmen Haltung. Es zeigt, dass es Teil der Gesellschaft ist, und übernimmt seinen Part der Verantwortung.
  • Mit verschiedenen Formulierungen und Strategien sowie der Berücksichtigung einiger Unternehmensmerkmale kannst Du die Umstellung der Kommunikation angepasst an Deine Zielgruppe schrittweise angehen.
  • Deine Sichtbarkeit im Internet wird durch Gender-SEO nicht automatisch verschlechtert. Vielmehr kann Dir eine diversitätssensible Keyword-Strategie Top-Rankings verschaffen.
  • Gendersprache steht vor allem in Marketing- und PR-Themen für Vielfalt und Fairness. Heb Dich von Deiner Konkurrenz ab und nutze inklusive Formulierungen als Marketing-Tool.

Jüngere Generationen entwickeln schon ihre eigenen Formen des Genderns. In naher Zukunft wird die sprachliche Diversität völlig normal sein. Du entscheidest für Dein Unternehmen, ob Du am Ende auf den Gender-Zug aufspringen willst oder zu einer Zeit, in der aktive Mitgestaltung noch möglich ist. In beiden Fällen wünsche ich Dir viel Erfolg!

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