Künstliche Intelligenz verändert unsere Welt. Glaubt man den selbsternannten KI-Experten auf LinkedIn, ist kein Bereich so stark betroffen wie die Websuche. Generative Engine Optimization (kurz: GEO) wird als legitimer Nachfolger von SEO propagiert. Wer jetzt nicht radikal auf ChatGPT & Co. umschwenke, so die Erzählung, der werde schon morgen im Web unsichtbar sein. Diese seit einigen Jahren kursierende Schmutzkampagne (O-Ton Lilly Ray auf der Campixx) zeigt inzwischen Wirkung und richtet massiven Schaden an – so viel Schaden, dass selbst Google als Marktführer der AI-Suche Unternehmen flehentlich darum bittet, weiterhin SEO zu betreiben und sich seriös beraten zu lassen. Zusätzlich greift man in Mountain View hart gegen minderwertige AI-Inhalte (aka Slop) und abenteuerliche GEO-Hacks durch. Unsichtbar wird oft nicht, wer den GEO-Zug verpasst, sondern wer ihn blauäugig bestiegen hat. Wie konnte es dazu kommen und was sollten wir jetzt tun? Eine Einordnung.
Don’t Panic: SEO lebt!
Quelle: Google Trends
Das Hauptargument für das „GEO-First-Narrativ“ ist ein mutmaßlich massiver Traffic-Verlust via klassischer Websuche. Aktuelle US-Zahlen zeigen allerdings nur einen Rückgang von nur ca. 2,5 % gegenüber 2024 und 2025. AI Overviews ersetzen zum überwiegenden Teil die zuvor vorhandenen Featured Snippets und betreffen in aller Regel die eher wenig lukrativen „Informational Searches“. Zudem konvertiert der verbleibende SEO-Traffic oft deutlich besser durch verkürzte User Journeys. Da seit dem Aufkommen von LLMs generell mehr im Web gesucht wird, wachsen die SEO-induzierten Umsätze mit dem anhaltenden Online Marketing Boom. Der SEO-Kanal ist wertvoller denn je – isoliert betrachtet und auch als Basis für jeden GEO-Erfolg. Denn LLMs nutzen fast immer klassische Suchergebnisse für ihr Grounding, d.h. für die Verifizierung ihrer Antworten.
Es gibt sie natürlich, die rein von Google-Traffic abhängigen Reichweiten-Geschäftsmodelle, die durch das Aufkommen neuer Player, veränderte Layouts der Suchergebnisseiten und angepasstes Browsing-Verhalten herbe Verluste verzeichnen. Und doch ist die vielstimmig herbeigeschriene SEO-Apokalypse bislang ausgeblieben. Der gelebte GEO-Aktionismus auf Kundenseite entstammt also selten akuter Not. Wagen wir einen Blick in die Zukunft.
„Nie gab es so viele unterschiedliche Meinungen über die Zukunft der Suche – vermutlich sind alle falsch!“
Dieses Konferenzfazit, das ich bereits 2024 mit einem gepflegten SEOnär-Kater in Björn Darkos SEOpresso-Mikrofon gequatscht habe, erscheint mir heute angebrachter denn je. Während schlaue Branchenköpfe über das nahende Ende von HTML und klassischen Webseiten infolge des Agentic Web philosophieren (z. B. Mario Fischer in der Website Boosting oder Bastian Grimm auf der SEOKomm), fehlt vielen erfahrenen Onlinern – mich eingeschlossen – die Fantasie dafür, dass sich Unternehmen ihre Repräsentations- und Konversionsflächen so leicht abnehmen lassen. Auch wenn SEO künftig einen kleineren Share im Marketing-Mix abbekommen sollte: Unternehmen werden noch sehr lange auf eigenen Website-Traffic setzen, anstatt ihr Geschäft vollständig in ein agentisches Web auszulagern. Was den Early Adoptern und Studienfetischisten zudem häufig abgeht, ist der Blick vor die eigene Haustür. Nicht die häufig befragte Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen, in der die AI-Nutzung eine enorme Verbreitung genießt, dreht den betriebswirtschaftlichen Rubel. Die real kaufkräftige Masse der Menschen wird noch Jahre der Überzeugung brauchen, bevor sie relevante Teile ihrer Kreditkarten-Autonomie an „Chatty“ abgibt. Mein Lieblingszitat in diesem Zusammenhang stammt von Sebastian Fiebiger: „Erklär mal meiner Frau, dass künftig ein digitaler Agent für sie shoppen gehen soll!“
Ja, die KI-Suche ist relevant und ja, sie beeinflusst Kaufentscheidungen im großen Stil. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die AI-Chat-Welt verändert sich ständig und niemand weiß verlässlich, wohin der Weg führt. Wir können den Impact von GEO ja noch nicht einmal vernünftig messen. Zu selten setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass die wirksamsten Methoden zur nachhaltigen Beeinflussung von KI-Antworten mit verdammt harter Arbeit verbunden sind (inklusive Technik, Content SEO & PR). Bei all diesen Unsicherheiten gibt es lediglich eine Gewissheit: Abkürzungen durch GEO Hacks führen direkt in den Absturz. Die Opfer schlechter Beratung sehen wir gerade nach jedem Google-Update.
Die große Krux bei dieser Frage ist: Ehrlichkeit verkauft sich in diesem Spiel schlecht. Sehr viele SEO-Agenturen und Freelancer haben diesen Umstand schlicht verpennt. Welcher Entscheider investiert schon gern in einen Marketingkanal, der komplizierte (= teure) Methoden mit unklarer Wirkung und großem Risiko verspricht? Würdest du Plakate kleben lassen, wenn du nicht weißt, in welchem Umfeld sie auftauchen und ob du darauf überhaupt zu sehen bist? Generative Engine Optimization ist mehr Ratespiel als Wissenschaft. Und doch wandern die FOMO-Budgets reihenweise zu windigen GEO-Propheten. Es erntet, wer die einfacheren Antworten parat hat – völlig egal, ob sie stimmen. Auch klassische Branding- und Consulting-Agenturen drängen in den Search-Markt, mit genauso wenig Ahnung, aber viel Hochglanz, Professionalität und emotionaler Ansprache.
Macht die allgemeine GEO-Gier blind oder sind Entscheider zu dumm?
Über kaum eine Frage habe ich in den letzten Monaten intensiver nachgedacht. Wie kann es sein, dass seriöse Brands wieder Texte vor ihren Nutzern verstecken, Forenkommentare und Verzeichniseinträge einkaufen oder sich auf gefälschte Bestenlisten setzen lassen? Wie kann es sein, dass Berater auf Konferenzen Doorway Pages, Prompt Injection oder Data Poisoning empfehlen und sich dafür feiern lassen, eine Welle zu reiten, die mit Ansage bricht? Wann ist das Wissen verloren gegangen, dass die Veröffentlichung von massenhaft gleichförmigen Inhalten zum totalen Rankingverlust bei Google führt?
Anders gefragt: Warum kaufen Unternehmen anno 2026 erwiesenermaßen schädliche Black-Hat-SEO-Methoden aus den frühen 2000ern ein, nur weil jetzt ein „GEO-Hack“-Etikett draufklebt? Aus Unwissenheit, Angst, Gier oder zu großem Vertrauen? Ich weiß es bis heute nicht. Jedoch habe ich die Befürchtung, dass das Vertrauen in die professionelle Suchmaschinenoptimierung, das sich die Branche über Jahrzehnte mühsam erarbeitet hat, durch diese geschäftstüchtigen GEO-Glücksritter ernsthaft in Gefahr gerät.
Ist es immer richtig zu tun, was der Markt verlangt?
Oder sollte man die Wünsche des Marktes nicht auch mal ablehnen bzw. relativieren? Konservativ und seriös agierende SEO-Berater haben es aktuell nicht leicht. Nicht nur, dass ihnen die Kunden weglaufen; sie müssen sich oft auch noch als „Nokia-Berater“ oder „Pferdekutschen-Verkäufer“ titulieren lassen. Auch die mahnende Erinnerung an die einst technisch überlegene Laserdisc oder das letzte „große Ding“ – die Sprachassistenten, zu denen es vor knapp zehn Jahren nahezu gleichlautende Prognosen und Studien wie heute bei den LLMs gab – will aktuell niemand hören.
In der Folge bieten nun fast alle GEO an, weil der Markt danach verlangt. Dabei weiß „der Markt“ am wenigsten, was GEO eigentlich sein soll. Viele Agenturen labeln klassische SEO-Methoden einfach in GEO um, um sie überhaupt noch zu verkaufen. Die Kunden haben auf diese Art sogar noch Glück: Sie werden zwar begrifflich betrogen, geraten aber immerhin nicht an windige Schlangenölverkäufer.
Die Search-Szene ist tief gespalten und gefangen zwischen Verpennern und Lügnern, während der GEO-Aktionismus von Unternehmen ihr Online-Geschäft schneller zerstört, als es jede AI-Transformation je gekonnt hätte. Wir brauchen dringend einen Ausweg. Ich habe die leise Hoffnung, dass es ihn noch gibt.
Die Suche nach dem Erwachsenen im Raum
In Situationen mit großer Komplexität und Unsicherheit ist es ratsam, ein Problem in kleinere, beherrschbarere Fragestellungen zu zerlegen:
- Wie ist der individuelle, bisherige Business-Impact im SEO-Kanal?
- Wie groß wird dieser in zwei bzw. fünf Jahren sein (und mit welcher Sicherheit)?
- Welche Faktoren kann ich wirklich beeinflussen und wie (sicher)?
- Welche Chancen und Risiken entstehen durch meine Handlungen?
- Wem traue ich zu, mir bei der Beantwortung dieser Fragen ehrlich zu helfen?
Würden sich alle Parteien zwischen all dem Geschrei um die Deutungshoheit und überzogenem Marketing-Blabla mal für fünf Minuten rational verhalten, käme man schnell zu einem Schluss: SEO und GEO sind keine Gegner. Beide Perspektiven bieten starke Ansätze und können in ihrer Expertise voneinander profitieren. Lasst uns einen gemeinsamen Weg in die spannende Zukunft der Suche beschreiten, transparent, ehrlich und im Sinne des nachhaltigen Erfolgs unserer Kunden.
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Ein richtig guter Reality-Check. Als jemand, der seit fast 30 Jahren im SEO unterwegs ist und sich heute intensiv mit GEO beschäftigt, sehe ich das sehr ähnlich. Mich erinnert vieles an die frühen 2000er. Plötzlich werden altbekannte Black-Hat-Methoden unter einem neuen GEO-Label verkauft und als Durchbruch präsentiert. Mit der aktuellen Unsicherheit rund um KI lässt sich leider viel Geld verdienen. GEO ist für mich absolut ein relevantes Zukunftsthema, aber eben nicht als Sammlung fragwürdiger Tricks. Wer nachhaltige Sichtbarkeit in KI-Systemen aufbauen will, braucht eine saubere Strategie, belastbare Inhalte und ein technisches Fundament. Genau deshalb gehören SEO und GEO für mich… Weiterlesen »
Danke Dir für dein Feedback. Ich möchte meinen Artikel auch nicht so verstanden wissen, dass alles im GEO nur Scharlatanerie ist oder komplett irrelevant. Wir sollten nur nicht den Eindruck erwecken, dass es nur diesen einen Weg gibt oder es bewährte Strategien gibt; zudem sollte man Risiken erkennen und auf diese hinweisen. Die Welt mit weniger SEO Traffic und KI-Antworten kann auch zum konstruktiven Umdenken beim eigenen Online Produkt führen, z.B. bei der Content Strategie: Wie schaffe ich es, dass Leute gern bzw. freiwillig auf meine Seite kommen? Wie kann ich sie zum wiederkommen ermutigen, damit ich nicht von einem… Weiterlesen »